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Islam und Wissenschaft – Die verhängnisvolle Kettenreaktion nach 1485

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Von Michael Blume

Es ist bis ins kulturelle Allgemeinwissen vorgedrungen: Die islamische Welt war jahrhundertelang der europäischen Geisteswelt wissenschaftlich, kulturell und auch technologisch weit überlegen. Europäer staunten über die großen Städte, Krankenhäuser und Bibliotheken etwa in Baghdad und Cordoba. Muslimische Kaufleute, Gelehrte und Pilger trugen Güter und Wissen aus ganz Eurasien und Afrika zusammen. Jüdische, christliche sowie muslimische Gelehrte retteten unter dem Schirm der islamischen Gesetzgebung durch Übersetzungs- und Austauscharbeiten die Werke und Ideen antiker Denker und Forscher. Noch zu Zeiten der Kreuzzüge erwiesen sich die „Franken“ häufiger als grobe Barbaren, die auf eine schließlich auch militärisch überlegene, islamische Zivilisation trafen. Doch was ist dann im Verhältnis von Islam und Wissenschaft geschehen?

Nicht nur vielen Muslimen, sondern auch vielen Nichtmuslimen ist bis heute schleierhaft, woran die Expansion des Islam schließlich scheiterte. Wie konnte die islamische Welt aus diesen Höhen abstürzen, so dass heute alleine schon der Kleinstaat Israel mit 8 Millionen überwiegend jüdischen Einwohnern ein Mehrfaches an Patenten hervorbringt als die gesamte, über 300 Millionen Köpfe zählende, arabische Welt? Wie kann es sein, dass viele Muslime doch einerseits stolz verkünden, der Koran sei viel besser mit den modernen Naturwissenschaften vereinbar als die Bibel; um im nächsten Moment die Evolutionstheorie zurückzuweisen, ja gar zu verbieten?

1485: Wie der Islam in die geistige Krise stürzte

In meinem im August 2017 erschienenen Buch „Islam in der Krise“ (Patmos) habe ich eine These vorgestellt, die auch das derzeitige Verhältnis von Islam und Wissenschaft zu erklären vermag. Demnach haben wir es vor allem mit den Folgen einer nachvollziehbaren, aber im Ergebnis verhängnisvollen Fehlentscheidung des Jahres 1485 zu tun.

In diesem Jahr sprachen Kaufleute im erst 32 Jahre zuvor eroberten Konstantinopel, jetzt Istanbul, beim osmanischen Sultan vor. Bayazid II. (1447 – 1512) war wegen seiner islamischen Frömmigkeit gerühmt und hörte aufmerksam die Schrift- und Rechtsgelehrten, die Ulema, zu dem Antrag, eine erste Druckerpresse aus Europa aufbauen und betreiben zu dürfen. Die Gelehrten hatten gute Argumente dagegen: Es war ihr über Jahre hart erworbenes Privileg, die geheiligten, arabischen Schriftzeichen (auch für persische und osmanische Schriften) verantwortungsvoll zu Papier bringen zu dürfen. Ihr frommes und verantwortungsvolles Handwerk würde durch diese Maschine der Christen entwertet! Und mehr noch: Würde die Einführung der Druckerpresse nicht Tür und Tor für allerhand Schund und aufrührerische Texte öffnen? Warum sollte der Sultan die Grundfesten seines Reiches erschüttern, das sich doch erkennbar gegen die weniger wissenden und zerstrittenen Christen immer weiter durchsetzte?

Bayazid II. verbot also 1485 den Buchdruck arabischer Schriftzeichen im gesamten Osmanischen Reich, während in Europa ein gewisser Martin Luther (1483 – 1546) gerade den Windeln entwuchs. Des Sultans Sohn Selim (1470 – 1520) stürzte den Vater und legte sich als erster osmanischer Sultan auch den Kalifentitel zu; er erneuerte zugleich das Buchdruckverbot bei Todesstrafe.

Zur Fairness gehört anzuerkennen, dass sich der Rat der Ulema-Gelehrten zunächst als richtig zu erweisen schien: In Europa wurden keineswegs nur edle Bücher gedruckt, sondern Texte voller Schund, Lügen und Hass. So erschien ab 1486 der „Hexenhammer“ mit einem gefälschten, theologischen Gutachten; das Grundlagenwerk der Hexenverfolgung wurde einer der ersten Best- und Longseller des Buchdruckes! Auch Flugblätter, die politische oder religiöse Opponenten verunglimpften, gehörten zu den viel nachgefragten Produkte

Alte Buchpresse

Die Christenheit überholt mit (gedruckten) Büchern…

Nun also war es an Europa und dessen Überseekolonien, buch- und wissensgetrieben und damit auch technologisch, wirtschaftlich und militärisch voranzustürmen. Selbst aus den brutalen Reichs- und Konfessionskriegen wie dem 30jährigen Krieg Europas konnten die zwar stabileren, aber weitgehend stagnierenden Osmanen keinen Vorteil mehr ziehen. 1683 verloren sie die letzte Belagerungsschlacht vor Wien und begannen nach Jahrhunderten der Expansion in ebenso schleichende wie quälende Jahrhunderte des Niedergangs überzugehen.

Um 1800 konnten bereits die Hälfte der Briten und Deutschen lesen und schreiben, selbst in Portugal waren es 20% der Bevölkerung; im Osmanischen Reich weiterhin nicht einmal 5%. Während Goethe, Schiller und die Gebrüder Humboldt ins 19. Jahrhundert stürmten und in den sich ausbreitenden Zeitungen die ersten Leserbriefe erschienen, erlebten die Muslime die demütigenden Niederlagen ihrer Truppen auch bei der „ägyptischen Expedition“ durch Napoleon Bonaparte (1769 – 1821). Wütend-hilflos zerstörte ein ägyptischer Mob auch eine von den Franzosen mitgebrachte Druckerpresse, da diese doch von den weisen, islamischen Vorfahren einst verboten worden war…

Übernahme von Verschwörungsmythen aus der westlichen Welt – Vom Monotheismus zum Dualismus

Wenn aber die islamische Zivilisation doch einmal so überlegen gewesen war, dann war ein Wiederaufstieg wohl in der Rückkehr zu den „goldenen Zeiten“ zu suchen? Die auch militärische Überlegenheit, das Wissen und die Neugier der Europäer „mussten“ also auf den Pakt mit bösen Mächten, der eigene Niedergang auf eine Verschwörung zurückzuführen sein!

Bis heute hat in der islamischen Welt außerhalb kleiner Kreise kaum eine weitergehende, selbstkritische Debatte über die Gründe des eigenen Niedergangs stattgefunden. In den historischen Erinnerungen stehen idealisierte „ruhmreiche“ Zeiten und Eroberungen im Namen des Islams neben und vor den als Demütigungen erinnerten, „niederträchtigen“ Angriffen der Christen seit den Kreuzzügen. Bildungsreformer und wissenschaftsoffene Reformbewegungen standen – und stehen! – daher immer wieder in der Gefahr, als „Handlanger“ der bösen, verschwörerischen Westmächte wahrgenommen zu werden.

Wie tief die geistige Krise des Islams im 19. und 20. Jahrhunderts reichte, lässt sich dabei schon daran ersehen, dass sich kaum „islamische Verschwörungsmythen“ durchsetzten. Wir lesen nichts von superverschwörerischen Dschinnen und einem arabisch- und korankundigen Dr. Faisal / Faust. Stattdessen übernahm die langsam steigende Zahl der islamischen Schriftkundigen Verschwörungsmythen aus dem Westen: Von Teufeln, Juden und Jesuiten, von Freimaurern, später Illuminaten und Geheimdiensten, schließlich ab den 1930er Jahren auch die aus Russland stammenden, gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“. Und wie zuvor auch in Europa hatte der um sich greifende Verschwörungsglauben furchtbare Folgen für religiöse Minderheiten wie Juden, Christen, Yeziden, Bahai und Ahmadiyya in der islamischen Welt. Wer an die Allgegenwart verschwörerischer Bedrohungen glaubt, kann auch in Vielfalt und Minderheitenrechten nur noch Verschwörungen wahrnehmen – und wird zu Vertreibungen und Vernichtungen neigen.

Die Krise hatte damit – und hat bis heute – auch die islamische Theologie erreicht: Im Selbstanspruch verstehen sich die meisten Muslime, einschließlich der Gelehrten, als Monotheisten mit tiefem Vertrauen in den allbarmherzigen Schöpfer. Doch in der geistigen Realität sind sehr viele von ihnen längst eher zu Dualisten geworden: Während der gute Gott und die Schar der Rechtglaubenden bedrängt würden, werde die Welt von bösen, übermenschlich begabten Superverschwörungen beherrscht. Entsprechend verbindet sich die Sehnsucht nach westlichen Gütern und Technologien mit einem tiefen Misstrauen gegen alles Wissen aus der nichtislamischen Welt; einschließlich der Wissenschaften! Es entsteht eine „halbierte Moderne“, die die äußere Form imitiert, ohne die innere zu verstehe

Figur der Synagoga mit verbundenen Augen, zerbrochener Fahne und Gebotstafeln

Die verhängnisvolle Vertreibung religiöser Minderheiten

Ob beispielsweise die Bildungsbewegung um den türkisch-islamischen, seit langem in den USA residierenden Prediger Fethullah Gülen am Ende eine Öffnung oder doch nur eine weitere islamistische Umgestaltung des turksprachigen Islams erwirkt hätte, werden wir kaum mehr erfahren – denn nicht nur in der Türkei, in nahezu allen islamisch geprägten Staaten werden die „Gülenisten“ inzwischen als vermeintliche Superverschwörer verfolgt, verhaftet, ihre Schulen und Unternehmen geschlossen. Mit ihnen wie auch mit den Juden, den armenischen und aramäischen Christen, den Ahmadiyya und die sich zunehmend von der islamischen Assimilation lösenden Aleviten sowie der schnell wachsenden Zahl von allenfalls noch „kulturmuslimischen“ Säkularen stößt die islamische Welt derzeit ausgerechnet jene Minderheiten aus, die die Aufnahme westlichen Wissens zu fördern begannen. Im 15. Jahrhundert hatten muslimische Herrscher noch zu Recht über die „dummen Europäer“ gespottet, die mit den Juden engagierte und wissensorientierte Bürgerinnen und Bürger vertrieben; nun wiederholt die islamische Welt diesen Fehler im größeren Maßstab.

Das schwarze Gold – Der Fluch von Öl und Gas

Zu all diesem Unglück trat im 20. Jahrhundert schließlich noch ein letzter Faktor, der die Krise des Islams bis in unsere Tage hinein verschärft: Die Verbrennung von Öl und Gas.

Die Politikwissenschaft kennt bereits seit den 1970er Jahren den – zuerst von einem iranischen Forscher benannten – „Rentierstaat“, der sich nicht aus Steuergeldern finanziert, sondern aus dem Geldzustrom von außen. Was zunächst paradiesisch zu klingen scheint, erweist sich in der Realität als autoritärer Horror: Wo die Bürgerschaft keine Steuern entrichtet, entfällt ihr stärkstes Argument für politische Mitbestimmung. „No taxation without representation!“, forderten die amerikanischen Rebellen gegen die britische Krone und die französische Revolution entzündete sich am Versuch des Königs, an den Generalständen vorbei Steuern zu erhöhen. Wer aber von Anfang an keine Steuern zahlt, sondern von den Geldzuwendungen Dritter abhängig wird, entwickelt sich nicht zum selbstbewussten Bürger, sondern zum abhängigen Klienten. Und auch die Frau braucht keine höhere Bildung und keinen Arbeitsplatz, wenn der Ehegatte nur zum „richtigen“ Clan und Stamm, zur herrschenden Konfession, Partei und Clique gehört. So pflanzen sich Abhängigkeiten, Bildungsmängel und ein korruptes Verhältnis zum Staat über die Generationen hinweg fort. Öl-Rentierstaaten haben nicht nur Staaten wie Saudi-Arabien, den Iran, Irak und Libyen in die Ausweglosigkeit zwischen autoritären Regimen oder konkurrierenden Milizen geführt, sondern auch nichtislamische Staaten wie Russland, Venezuela oder Angola. Und dass die westliche Welt einerseits die „Menschenrechtsverletzungen“ beispielsweise des wahhabitischen Staatsislam in Saudi-Arabien beklagt, genau dieses Regime aber mit Waffen, Ausbildung und wo nötig auch westlichen Soldaten stabilisiert „muss“ gerade auch auf weniger Gebildete wie eine diabolische Verschwörung anmuten!

Fazit: Kein Anlass zur Arroganz

Für Muslime ist der ehrliche und umfassende Rückblick auf die eigene Geschichte schmerzhaft; zu schmerzhaft für die meisten. Verschwörungsglauben macht die Welt eher schlechter; doch entlastet er für den süßen Moment.

Nichtmuslimen und gerade auch Christen sollte der Rückblick auf die islamische Geschichte und die bis heute reichende, sich sogar verschärfende Krise des Islams wiederum kein Anlass zu Hochmut sein. Zum einen leben wir alle auf der gleichen Welt und die ölbefeuerten Kriege, Flüchtlingsströme wie auch Umweltzerstörungen betreffen die Menschheit insgesamt.

Und gerade auch das traumatische Schicksal des Osmanischen Reiches und der Absturz der islamischen Hochkulturen vermag uns daran zu erinnern, dass Geschichte kein linearer Fortschritt ist, sondern verhängnisvolle Fehlentscheidungen und Sackgassen auftreten können. Während es der islamischen Welt an Wissenschaften und Wissen mangelt, haben sich große Teile gerade auch der europäischen und amerikanischen Kirchen im Kindermangel eingerichtet – der mittelbar auch zu einem Bildungs- und Kulturabbruch führen kann.

Durch das seit dem Buchdruck gepflegte Miteinander von Bildung und Wohlstand sind evangelische Amtskirchen sogar besonders von Säkularisierungsprozessen einerseits und einem individualistischen Zerfall der Familien andererseits betroffen. Es ist schlicht und ergreifend arrogant, anzunehmen, dass die je eigenen Bildungs- und Wissenstraditionen weiterblühen werden, wenn sie nicht auch über kinderreiche Familien – wie beispielhaft früher die evangelischen Pfarrhäuser, oder auch die Mormonen, modern-orthodoxe, jüdische Familien u.a. – weiterleben. Es ist nicht auszuschließen, dass auch wir Christen derzeit „unser 1485“ veranstalten. Dass die Geburtenraten auch in den islamisch geprägten Gesellschaften einbrechen und beispielsweise auf dem Balkan, in der Türkei und im Iran ebenfalls bereits unter die Bestandserhaltungsgrenze gesunken sind, sei dabei erwähnt.

Zwar schreitet die Integration von Menschen muslimischer Herkunft in der westlichen Welt voran, nicht zuletzt über den Bildungsaufstieg. Während sich einige Muslime in Europa radikalisieren, entscheiden sich doch auch die meisten Verschwörungsgläubigen im Zweifel doch lieber für das Leben in christlich geprägten, sozialen Marktwirtschaften. Auch einige islamisch geprägte Gesellschaften wie Indonesien, Tunesien und Pakistan profitieren vom Fehlen großer Öl- und Gasreserven durch das Aufkommen modernisierender und zunehmend steuerzahlender Bürgerschaften. Doch zeigt sich gerade auch am Beispiel der in den Osmanismus zurückfallenden Türkei die ständige Gefahr von Verschwörungsglauben, der zu einer „halbierten Moderne“ führen kann – verkörpert nicht nur durch YouTube-nutzende Salafisten, sondern auch durch türkischstämmige Erdoganisten oder russischstämmige Putinisten. Eine islamische (oder auch christlich-fundamentalistische) Theologie, die Wissenschaften und damit auch höhere Bildung als gefährlich, ja verschwörerisch betrachtet, kann Menschen nicht zu einer individuell und gesellschaftlich gelingenden Identität im 21. Jahrhundert führen. Die Frage, ob und wie sich Religion(en), Familien und Wissenschaft(en) im Dialog entwickeln, ist also keine Randfrage für verträumte Spezialisten, sondern „die“ zentrale Zukunftsfrage der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten.

Dr. Michael Blume

Veröffentlicht im Oktober 2017

http://www.theologie-naturwissenschaften.de/startseite/leitartikelarchiv/islam-und-wissenschaft.html

Bildnachweis

  1. Ottoman astronomers at work around Taqī al-Dīn at the Istanbul Observatory (c) Wikimedia commons
  2. Alte Buchpresse auf grauem Hintergrund  #165677690 (c) fotolia.com | Urheber: oldpixel
  3. Figur der Synagoga mit verbundenen Augen, zerbrochener Fahne und Gebotstafeln. Straßburg, Cathédrale Notre-Dame (c) Wikimedia commons
  4. Detail Shot of an Old Islamic Scientist While Working #163846986 (c) fotolia.com | Urheber: Hale

Turkey frees Kadri Gürsel, holds four from Cumhuriyet

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IPI joins international media freedom watchdogs in calling for release of all journalists jailed for their work.

RTICLE 19, the International Press Institute (IPI) and Reporters Without Borders welcome Monday’s release of Cumhuriyet columnist and IPI Turkey representative Kadri Gürsel after more than 11 months in pre-trial detention. Gürsel was freed following a third hearing in the trial of over a dozen journalists and staff working for Cumhuriyet, one of Turkey’s last remaining national opposition papers.

IPI Board Member Kadri Gürsel speaks to the media in the early hours of Sept. 26, 2017 outside a gate to the Silivri prison complex on the western edge of Istanbul after his release from prison. Photo: IPI

All three organisations, representatives of which attended Monday’s hearing at Istanbul’s Çağlayan courthouse, repeat their call for the release of the four Cumhuriyet journalists still behind bars – Chief Executive Akin Atalay, Editor-in-Chief Murat Sabuncu, investigative journalist Ahmet Şık and accountant Emre İper – and all other journalists detained in Turkey on politically motivated charges.

“The ruling is bittersweet,“ IPI Director of Advocacy and Communications Steven M. Ellis said. “We’re extremely glad that Kadri Gürsel was released after nearly 11 months, but equally disappointed our other colleagues were not. Monday’s proceedings, with a parade of witnesses offering irrelevant commentary instead of facts, demonstrated again how absurd this case is. And this ruling, while a step forward, is a reminder of the extreme pressure those who fight for press freedom and government accountability still face in Turkey.”

The Cumhuriyet journalists and staff are charged with aiding a terrorist organisation without being a member and face between seven-and-a-half and 43 years in jail. Among other allegations, they are accused of supporting the Gülen movement, despite Cumhuriyet’s long track record as a leading critic of the movement. Evidence cited in the indictment includes an alleged change in the editorial policy of the paper in addition to comments, interviews and social media posts of the journalists.

“Gürsel’s release is a welcome relief, but he should never have been there anyway,” Katie Morris, Head of Europe and Central Asia Programme at ARTICLE 19, said. “Any celebrations are undermined by the continued detention of his colleagues at Cumhuriyet, not to mention all the other journalists spending yet another night in jail in Turkey, for no reason other than doing their job.”

Three witnesses gave testimony at the third hearing, which related to a separate civil case regarding a dispute within Cumhuriyet’s board. Despite their disagreements, the witnesses stated that they did not believe that the defendants should be charged with aiding a terrorist organisation, and urged the court to release them.

“This Kafkaesque trial, in which journalists are being treated as terrorists, cannot go on,” Reporters Without Borders said. “Kadri Gürsel’s release is no more than a very partial achievement. These absurd proceedings must be abandoned and all of the Cumhuriyet employees and journalists must be freed.” .

Other circumstantial evidence against defendants lacks credibility. Notably, the indictment lists the number of “Bylock” users with whom the defendants allegedly had contact. Bylock is a secure messaging mobile application allegedly used by members of the Gülen movement, which Turkish authorities blame for last year’s failed coup. Use of the application is now considered evidence of membership in a terrorist organisation. The defendants in the Cumhuriyet trial are not themselves accused of having used the application, but rather of having entered into contact with individuals who did. The indictment against Gürsel cites as evidence text messages from Bylock users to which Gürsel did not reply.

While the evidence that the journalists did contact Bylock users is slim at best, international standards on the right to freedom of expression protect journalists’ right to communicate with a wide range of sources in order to cover stories in the public interest. Merely communicating with a terrorist group can not be interpreted as support for that group, just as criticism of the government cannot be interpreted as sympathy for a terrorist organisation.

At least 170 journalists and media workers are in jail in Turkey. The Turkish government claims that no journalists are in jail in relation to their work. However, as in the Cumhuriyet case, indictments frequently cite mainly newspaper articles, columns or interviews as proof of terrorist or similar activity, in addition to circumstantial evidence lacking in credibility.(IPI)

Ausschreibung:

Preis für respektvolle Armutsberichterstattung

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Armutskonferenz vergibt auch 2017 Journalismus-Preis „von unten“ / Armutsbetroffene bewerten Beiträge

Bereits zum achten Mal schreibt die Armutskonferenz einen Preis aus, der respektvolle und tiefgründige Armutsberichterstattung prämiert. Zugelassen sind in österreichischen Medien veröffentlichte Beiträge (Print, Online, Radio und Fernsehen). Bewertet und ausgewählt werden die Beiträge von Menschen mit Armutserfahrungen.

Einreichungen sind bis 31. Oktober 2017 möglich.

Hinter Statistiken und Zahlen stehen immer Menschen, die nur selten jenen Klischees entsprechen, deren sich der öffentliche Diskurs allzu gerne bedient: Die Armutskonferenz möchte einen Journalismus fördern, der den vielen Facetten von Armut gerecht wird, Betroffene respektvoll behandelt, ihre Stimmen hörbar und ihre Realitäten sichtbar macht und Hintergründe ausleuchtet. Eingereicht werden können veröffentlichte Beiträge jeder Länge, in den Kategorien Printmedium, Onlinemedium, Radio und Fernsehen, die im Zeitraum November 2016 bis Oktober 2017 in einem österreichischen Medium erschienen bzw. gesendet worden sind. Alle bis zum 31. Oktober eingelangten Beiträge werden von einer Jury bestehend aus Menschen mit Armutserfahrungen bewertet, die in der Plattform „Sichtbar Werden“ der Armutskonferenz vernetzt sind.

Am 18. Dezember 2017 werden die jeweils besten Beiträge jeder Kategorie im Rahmen einer Preisverleihung im Presseclub Concordia in Wien geehrt.

Das Konzept Journalismus-Preis „von unten“ wird seit letztem Jahr mit Unterstützung der ERSTE Stiftung als internationales good practice Beispiel auch in andere europäische Länder „exportiert“. Der Preis wurde erstmals in Ungarn, Kroatien, Island und Finnland verliehen. In diesem Jahr sollen Serbien, Rumänien und Mazedonien folgen.

Einzureichen sind die Beiträge bei:

Die Armutskonferenz. Herklotzgasse 21/3, 1150 Wien E-mail: office@armutskonferenz.at Web: www.armutskonferenz.at

Für Rückfragen:

Koordinations-Büro „Die Armutskonferenz“: office@armutskonferenz.at oder 01-4026944

http://www.armutskonferenz.at

 

Dönmez dementiert angebliches Saudi-„Lobbying“

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Efgani Dönmez, Sprecher der Bürgerinitiative Stop Extremism, weist den Vorwurf des Lobbyings für Saudi Arabien zurück.

WIEN. Der frühere grüne Politiker kandidiert für die ÖVP auf Platz 5 ihrer Bundesliste und hat gute Chancen für Sebastian Kurz ins Parlament einzuziehen. „Die Presse“ berichtete in ihrer Dienstagsausgabe, Dönmez könnte für die Saudis lobbyiert haben.

„Die Feststellung, dass die Bürgerinitiative oder ich selbst Lobbying für Saudi Arabien betreiben würden, ist falsch und an den Haaren herbeigezogen“, erklärte Laut APA OTS  Dönmez dazu in einer Aussendung. Laut „Presse“ habe die Plattform massive Öffentlichkeitsarbeit gegen die Türkei, die Muslimbruderschaft sowie gegen das mit Saudi Arabien verfeindete Katar betrieben. Dies zeigten E-Mails und interne Chat-Protokolle. Dönmez habe demnach versprochen, die Türkei und Katar schlechtzumachen, die Saudis sollten hingegen gelobt werden. Darüber hinaus habe Dönmez versprochen, seine politischen Kontakte zu nutzen und in Ministerien zu intervenieren. „Türkei = Bad, Katar = Bad, Saudis = Good“, zitierte die Zeitung aus einem der Chats.

Dönmez dementierte die kolportierten Schlussfolgerungen. „In meiner gesamten politischen Arbeit bin ich immer klar und unmissverständlich gegen alle Formen des politischen Islams aufgetreten“, so Dönmez. In seine Kritik habe er dabei immer wieder auch Saudi Arabien einbezogen. Dönmez verwies auf die Auftakt-Pressekonferenz der Initiative im Juli in Berlin, „wo ich explizit Saudi Arabien als eines der Länder scharf kritisierte, die religiösen Extremismus in Millionenhöhe finanzieren und in Europa Netzwerke gegen unsere Freiheit unterhalten“.

Der ÖVP-Kandidat vermutet hinter der Veröffentlichung der Vorwürfe den Kompagnon des ehemaligen SPÖ-Beraters Tal Silberstein, Peter Puller. „Anscheinend gelangten für Außenstehende unbedacht formulierte interne Chatprotokolle u.a. aus der privaten Chatgruppe über das Umfeld des kurzzeitigen Projektmitarbeiters Peter Puller und dessen Mitarbeiterin Anja H. an die Öffentlichkeit, die nun verkürzt dargestellt werden“, so Dönmez. „Fünf Tage vor der österreichischen Nationalratswahl kann das nur als wahlkampfbedingte Aktion gewertet werden. Ich bedaure den parteipolitischen Missbrauch dieses wichtigen Projekts.“

Die Plattform Stop Extremism hielt zudem fest, dass selbstverständlich jede Unterstützung und Finanzierung gegenüber der Europäischen Kommission fristgerecht gemeldet wurde bzw. wird. Stop Extremism werde sich weiterhin für die Bekämpfung von politischen und religiösen Extremismen einsetzen und fordert die Umsetzung eines Anti-Extremismus Pakets das unter anderem eine einheitliche Definition von Extremismus, ein Extremismusfrei-Gütesiegel und eine europaweite Warnliste beinhaltet.

„Der Standard“ berichtete unterdessen am Dienstag, dass die SPÖ ihrem Berater Tal Silberstein um die Hälfte mehr als schriftlich vereinbart an Beraterhonoraren überwiesen hat. Silberstein hatte bei seinem Geschäftspartner Puller unter anderem die Produktion von manipulierten Facebookseiten gegen ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz in Auftrag gegeben. Insgesamt wurden in den vergangenen Monaten von der SPÖ 536.000 Euro an Silberstein überwiesen. Schriftliche Vereinbarungen gab es nur für 360.000 Euro. Die Differenz von 176.000 Euro erklärt man in der SPÖ mit nachträglichen vereinbarten Zusagen. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christoph Matznetter sagte dem „Standard“, dass er nicht davon ausgehe, dass mit diesem Geld die Dirty Campaigning-Aktionen Silbersteins bezahlt wurden. Matznetter räumte aber ein, dass es auch ihm lieber gewesen wäre, wenn man alles schriftlich geregelt hätte.

Efgani Dönmez/„Stop Extremism“ zu angeblichem Saudi-„Lobbying“: Vorwurf ist falsch und an den Haaren herbeigezogen

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20171010_OTS0031/efgani-doenmezstop-extremism-zu-angeblichem-saudi-lobbying-vorwurf-ist-falsch-und-an-den-haaren-herbeigezogen

Einladung-Neues Buch:

Kants Wanderung über das Nebelmeer

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Buchpräsentation: 5.Dezember.2017, Palais Eschenbach ab 18:00 Uhr

Neue Welt Verlag freut sich das Buch „Kants Wanderung über das Nebelmeer:Die wahre Entstehungsgeschichte der Kritik der Vernunft im Spiegel der Bilderwelt C.D. Friedrichs“ herauszugeben.

KANTS WANDERUNG ÜBER DAS NEBELMEER

 DIE WAHRE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER KRITIK DER VERNUNFT IM SPIEGEL DER BILDERWELT C. D. FRIEDRICHS

Eine poetisch-humorvolle Einführung in das kritische Werk Kants und der daraus resultierenden verzweifelten Gottessuche des Königsberger Philosophen, die uns nicht den nüchternen, sondern einen neuen romantisch-mystischen Kant vorstellt.

Zugleich schlägt der Autor eine naturphilosophische Neupositionierung Kants vor: der Leser begleitet Kant auf seinen metaphysischen Wanderungen – optisch unterstützt durch den norddeutschen Künstler Caspar David Friedrich – zu Kants gleichlautenden erhabenen Naturmetaphern, dem „Nebelmeer“ und dem „bestirnten Himmel über ihn“, um letztlich dahinter die „Dinge an sich“ zu entdecken, die übersinnlich in einem metaphysischen Reich natürlicher und moralischen Zwecke zueinander stimmen.

Dass Kant den physikotheologischen Gottesbeweis eigentlich nicht widerlegen will, sondern ihm ein neues moralisches, ewig gültiges Fundament gibt, kann der Autor hier erstmals biographisch schlüssig mit der psychologischen Entwicklung von Kants Denken und Fühlen belegen. Damit wird der schwierig lesbare, aber hier richtig beschrittene Weg der kritischen Vernunft zur möglichen Basis der Intelligent-Design-Bewegung, sowie zur Orientierungshilfe für den Gottsuchenden heute, gerade wo die Religionsfreiheit durch das Sittenbild des Islam erneut in Diskussion steht.

Neue Welt Verlag

Der Autor ist Dr. Gregor Bernhart-Königstein und
Verleger DI Birol Kilic.

Forschungen zu Orient und Okzident
herausgegeben  von Birol Kilic

Buchpräsentation:  Am 5.Dezember 2017 , Palais Eschenbach ab 18:00 Uhr , Adresse: 1010 Wien, Eschenbachgasse 11

https://www.musicofvienna.com/palais-eschenbach.htm

tp://www.neueweltverlag.at/

Die Flexibilität der slawischen Muslime

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Wenn in Restelica am Morgen die Schulglocken läuten, trennen sich die Kinder. Die einen im abgelegenen Dorf am Südwestzipfel Kosovos gehen in Klassenzimmer, in denen in bosnischer Sprache unterrichtet wird, die anderen in solche mit serbischer Sprache. Zwar unterscheiden sich Bosnisch und Serbisch kaum voneinander. Auch sprechen hier, an der Grenze zu Albanien und Mazedonien, alle Kinder dasselbe lokale Idiom, einen serbisch-mazedonischen Übergangsdialekt.

Dennoch hat die Wahl der Unterrichtssprache weitreichende Folgen: Sie entscheidet darüber, ob nach dem Curriculum der Republik Kosovo oder dem serbischen Lehrplan unterrichtet wird. Entsprechend gross sind die inhaltlichen Unterschiede, insbesondere in den sogenannten nationalen Fächern. Dazu zählen Geschichte, Geografie, Sprache, Literatur und Religion. Was die einen über die Vergangenheit Serbiens, Kosovos, Jugoslawiens oder des Osmanischen Reichs zu hören bekommen, hat nur wenig mit dem zu tun, was den anderen vermittelt wird.

Konvertierte Christen

Die Trennung der Kinder in der Schule ist Ausdruck der politischen Spaltung in der lokalen muslimischen Bevölkerung. Die Eltern, die ihre Kinder in bosnische Klassen schicken, bezeichnen sich selber, wie die Muslime slawischer Herkunft in Bosnien-Herzegowina, als Bosniaken. Die Eltern, deren Kinder in serbischer Sprache unterrichtet werden, definieren sich als Goraner im ethnischen Sinn, nicht als Serben, wie man das erwarten könnte. Das Wort leitet sich von «Gora» (Berg) ab, der Bezeichnung für die Region, in der sie leben. Beide, die Bosniaken und die Goraner, sind überzeugt davon, dass sie nur so ihre besondere Identität gegen alle äusseren Anfechtungen bewahren können.

Noch etwas ist allen gemeinsam: Sie sind Muslime slawischer Herkunft, deren Vorfahren im Laufe der fünfhundertjährigen Herrschaft der Osmanen vom Christentum zum Islam konvertierten. Seit der Bildung ethnisch definierter Nationalstaaten auf dem Balkan im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden die Bewohner der Gora von anderen Nationen vereinnahmt: von den Albanern auf der Basis der gemeinsamen islamischen Religion, von den Serben und den Mazedoniern wegen der slawischen Sprache.

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Der Aufstand Anatoliens

gegen die feinen Türken

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In der Türkei entsteht gerade ein neues Land. Es wird von Parias geschaffen, die in Wellblechhütten lebten und jetzt in die Hochhäuser gezogen sind. Die Ex-Parias und die Neureichen des Landes haben die Mehrheit. Sie fühlen sich demokratisch legitimiert, haben in eigenen Augen jedes Recht, allein und absolut zu herrschen, wenn sie auch nur eine Stimme mehr haben als ihre Gegner.  Der Scherbenhaufen, den diese Brutalisierung hinterlässt, wird lange auf den Türken lasten, vor allem auf denen, die im Ausland leben. Sie wird die Türken auch in ihren womöglich berechtigten Einsprüchen mundtot machen. Aber nicht nur die Türken sind davon betroffen. Vor allem jene Länder in Europa wie Deutschland und Österreich, die eine besonders schwierige Vergangenheit mit komplexen Identitätsstrukturen und kultureller Vielfalt haben, werden anfällig für das Produzieren von Klischees. Erdoğan, das personifizierte Klischee des „üblen“ Türken, hält ihnen die Tür auf. Arrogant, ungebildet, stillos. Ein Bilderbuch-Muslim-Mann.

 

Von Zafer Senocak

Der Autor: Zafer Senocak (56) ist ein deutsch-türkischer Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm „In deinen Worten: Mutmaßungen über den Glauben meines Vaters“ (Babel)

Jede Art von Philosophie ist ihr Feind und somit auch das Recht. Sie haben weder Stil, noch haben sie einen Ruf zu verlieren. Man weiß nicht so recht, wie man diesen Neutürken begegnen soll, wenn man nicht bereit ist, sich auf ihr Niveau zu begeben.

Die Türkei meiner Kindheit war ein Land des Anstands. Etikette war ungemein wichtig. Die Kinder wurden mit Vorbildern erzogen, die immer korrekt eingekleidet waren und ein höfliches Hochtürkisch sprachen. Frauen und Männer trafen sich ungezwungen. Brüllen in der Öffentlichkeit war der Unterschicht vorbehalten – und das auch nur untereinander. Ganz undenkbar, dass ein Staatspräsident brüllend in ein Mikrofon sprach.

Hinter den Kulissen aber war die Türkei immer ein Land der rohen Sitten geblieben. Brutale Gewalt gegen die Armenier und die Kurden, gegen politisch Andersdenkende, gegen die alevitische Minderheit. Sie wurde auch von den feinen Türken geduldet und angeordnet. Der feine Zwirn macht eben noch keine Sitte aus.

In der alten türkischen Gesellschaft gab es einen gewissen Artenschutz für Gebildete und für Staatsdiener, wenn sie politisch nicht aneckten. Diese alte Türkei hatte selbst das Gefängnis zu einem Kulturort, zu einer Stätte der Hoffnung gemacht. Zahlreiche Romane und Gedichte zeugen davon. Heute sind die Gefängnisse des Landes nur noch Endstationen.

Früher bewegte sich das gemeine Volk zwar nicht in einem rechtsfreien Raum, wurde aber von der geschützten und geförderten Elite in jeder Hinsicht dominiert. Ausdruck fand dieses Dominieren in einer Du-Anrede, die jeden traf, der wegen eines dürftigen Einkommens und geringer Bildung dirigiert werden konnte und musste.

Heute herrscht das Du, es repräsentiert die Mehrheit. Es herrscht mit unübersehbarer Aggression über die feinen Türken. Die feinen Türken sind in den Augen der einfachen türkischen Bevölkerung die Stellvertreter des Westens. Die Aggression richtet sich selbstverständlich auch gegen diese Verbündeten der feinen Türken, also die Europäer. Ein großes historisches Missverständnis.

Groteske Historienspektakel

Denn die Türkei mag ja ein Nato-Staat sein oder Beitrittsgespräche mit der EU führen. Es ändert aber nichts daran, dass auch heute der Durchschnittseuropäer zahlreiche Vorbehalte gegen dieses Volk hat.

Die Zeit der feinen Türkenherrschaft hat man relativ untätig verstreichen lassen, ohne an diesem negativen Türkenbild wirklich etwas zu ändern. Nun scheint es zu spät zu sein, denn an der Macht ist die Türkei der Bauern, der Kulturbanausen mit rohen Sitten und verachtungswürdigem Gehabe.

Der Aufstand Anatoliens ist in vollem Gange. Es ist eine Bewegung der Zukurzgekommenen, denen die osmanische Vergangenheit, die nicht selten gerade unter ihren Vorfahren Massaker und Hungersnöte verursacht hat, als glorreiche Vergangenheit verkauft wird. Martialische Sprache und militaristisches Weltbild werden zu einem grotesken Historienspektakel mitten in der globalen Netzrevolution des 21. Jahrhunderts.

Die feinen Türken mit ihren Mischidentitäten, nicht wenige unter ihnen haben Vorfahren aus dem Balkan, mit ihrer modernen städtischen Kultur und ihren Fortschrittsidealen sollen wie Fremde, identitätslose Wesen aussehen, so wie einst der Kosmopolit der Feind alles Nationalen war.

Glauben ist Privatsache

Dabei könnten genau sie, ja, genau diese türkische Elite zwischen den islamischen Traditionen und dem Modernismus Kemal Atatürks vermitteln. Sie hätten ein Beispiel der hybriden Identität sein können, die bestens in unser 21. Jahrhundert passt.

Eine komplexe Form der Identität, an die wir uns gewöhnen müssen, wenn wir nicht immer neue Bürgerkriege basierend auf identitärem Wahn erleben wollen. In der Türkei gibt es eben auch diesen muslimischen Bürger, dem sein Glaube Privatsache ist und der in einer freien Gesellschaft leben möchte.

Und genau hier beginnt sowohl das türkische als auch das europäische Versagen. Viel zu viel Zeit verlor die türkische Elite mit der Pflege eines kruden Nationalismus. Unter dessen panzerfester Schale versteckte sie fast verschämt jene kulturelle Vielfalt, die ihr innewohnt.

Nirgendwo wurde wirklich sichtbar, dass der türkische Modernismus inspiriert worden ist sowohl von den persischen Gärten des Dichters Hafis, als auch von der privaten Hölle eines Charles Baudelaire. Die Türken gingen in Europa ein und aus, nicht nur als Krieger und Reiter, aber auch als Studenten, als Poeten, als Wissenschaftler und Künstler. In der Türkei keimte die Hoffnung einer grenzüberschreitenden Kultur, die Morgen- und Abendland versöhnt.

Und just jetzt, wo tausende von der EU mit Stipendien ausgestattete Erasmusstudenten begonnen hatten, türkische und europäische Universitäten durch ihre Aufenthalte zu bereichern und zu verbinden, gerade jetzt, wo es an der Zeit gewesen wäre, der türkischen Jugend durch freies Reisen das Kennenlernen gegenwärtiger europäischer Kultur zu ermöglichen, soll auf einmal all das vorbei sein. Wie dumm ist das denn? Welchem Zweck dient diese Politik? Welche Zukunft wird damit eröffnet?

Keine Frage, die feinen Türken fühlen sich von den Europäern im Stich gelassen. Der europäische Salon blieb ihnen versperrt, und draußen vor der Tür ist es inzwischen ungemütlich. Die brutalisierte Version der Türkei hat ihren Präsidenten gefunden.

Wer nicht dazu passt, gehört einfach nicht dazu. Er wird eingesperrt oder hinausgedrängt. Im günstigsten Fall verliert er nur den Job – nicht selten eine Existenzkrise in einem Land mit viel Stress auf dem Arbeitsmarkt.

Ein unvorstellbar rauer Stil, der weder zu einem gelehrten Islam noch zum Verhaltenskodex der säkularen Bildungseliten passt, bahnt sich seinen Weg, direkt von den Wahlurnen auf die Bühnen der nationalen und internationalen Politik.

Arrogant, ungebildet, stillos

Der Scherbenhaufen, den diese Brutalisierung hinterlässt, wird lange auf den Türken lasten, vor allem auf denen, die im Ausland leben. Sie wird die Türken auch in ihren womöglich berechtigten Einsprüchen mundtot machen.

Aber nicht nur die Türken sind davon betroffen. Vor allem jene Länder in Europa wie Deutschland und Österreich, die eine besonders schwierige Vergangenheit mit komplexen Identitätsstrukturen und kultureller Vielfalt haben, werden anfällig für das Produzieren von Klischees. Erdoğan, das personifizierte Klischee des „üblen“ Türken, hält ihnen die Tür auf. Arrogant, ungebildet, stillos. Ein Bilderbuch-Muslim-Mann.

So einfach hat es dem bornierten Mitteleuropäer bisher noch kein Nahostler gemacht, keiner, der eine bedeutende Position innehatte. Die Bilder und die Sprache, die der amtierende türkische Präsident geschaffen hat, werden über Jahre und Jahrzehnte das Klima vergiften, womöglich auch zwischen den feinen Türken und den demokratischen Europäern.

Deswegen ist die Verantwortung heute so groß, nicht die Klarsicht zu verlieren und der Türkei den Platz vor den Toren Europas zuzuweisen, wo sie nur eins werden kann: eine andauernde Gefahr für sich selbst und für Europa. (Erste Veröffentlichung WELT)

MigrantInnen aufgepasst:Die umkämpfte Republik:

Österreich 1918 – 1938

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MigrantInnen sollten unbedingt die spannende Ausstellung in Niederösterreich besuchen!

Von Birol Kilic

Das neu Museum Haus der Geschichte in  Niederösterreich mit der Schwerpunktausstellung die Umkämpfte Republik Österreich 1918 – 1938 muss man besuchen. In Besucherforen wird z. B  zum Nachdenken und zur Diskussion angeregt – über aktuelle Herausforderungen für die Demokratie genauso wie über die Werte einer demokratischen Gesellschaft. Auch heute sehr wichtig!

Österreichische Journalisten Club ist auch ziemlich begeistert von  der Ausstellung und  schreibt folgendes:
„ Auf dem Weg in die Zukunft. Gemeinsame Exkursion des Österreichischen Journalisten Clubs und des Verbandes der Auslandspresse in das neue Museum der Geschichte in St.Pölten. Rund 30 Journalistinnen und Journalisten, Mitglieder des Verbandes der Auslandspresse und des ÖJC besuchten das neue Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich. Gleich vorweg: Eine spannende Ausstellung, unbedingt sehenswert und auch – oder gerade für Kinder geeignet. Die Schau hat den Titel: „Die umkämpfte Republik – Österreich 1918 – 1938“. Die Ausstellung thematisiert die politischen Konflikte und die Exzesse totalitärer Gewalt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso wie die bedeutenden technischen, sozialen und politischen Entwicklungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und geht damit weit über den selbst gesetzten Zeitraum hinaus. Aufgeteilt ist die Ausstellung in 11 Räume und mehrere Spielstationen, die zur Vertiefung der Materie beim Besucher dienen. „

Ich könnte noch schreiben ; Besonders die MigrantInnen aus allen Ländern und insbesondere aus Wien können über die schmerzlichen Stunden der österreichischen Geschichte einen hier in der beeindruckenden Architektur von Hans Hollein beherbergt einen Überblick bekommen, warum Österreich heute so anders tickt aber trotzdem eine ehrenvolle Staat in der Welt geworden ist. Warum ist für MigrantInnen diese Ausstellung sehr wichtig?  Aus Anlass 100 Jahre Republik  Österreich widmet sich die erste Schwerpunktausstellung der spannenden Geschichte Österreichs in der Zwischenkriegszeit, von der Republikgründung 1918 bis zum „Anschluss“ 1938 die für die MigrantenInnen eigentlich sehr wichtig wäre.

 

Es gibt eigentlich sehr viele Gründe!

Hier wird rund 40.000 Jahre Menschheitsgeschichte mit einem Schwerpunkt ab Mitte des 19.Jahrhunderts bewusst thematisch und nicht chronologisch sachlich und bildlich so aufgearbeitet als ob Sie in der Geschichte in alle Richtungen in einer angenehmen Wassertemparatur schwimmen.

„Auf rund 550 m² Ausstellungsfläche erwartet die BesucherInnen eine spannend inszenierte Schau. Sie spannt den Bogen von der Innenpolitik über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bis zur Außenpolitik.
Die massiven, ideologisch motivierten Gegensätze zwischen den politischen Lagern, die Unfähigkeit zu Kompromissen der politischen Eliten, die tiefe Spaltung der Bevölkerung, die hohe Arbeitslosigkeit und Verarmung breiter Schichten, führten zu einer Radikalisierung der Gesellschaft. Die Bereitschaft, politische Konflikte durch Gewalt zu lösen, war in allen drei politischen Lagern präsent. Heimwehren, Republikanischer Schutzbund und Staatsmacht standen sich in einem latenten Bürgerkrieg gegenüber. 1933 beseitigte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß die Demokratie, der Bürgerkrieg im Februar 1934 entzweite das Land vollends, im Juli 1934 wurde Dollfuß von Nationalsozialisten ermordet. Die Errichtung des autoritären Ständestaates war das österreichische Modell einer Faschisierung Zentraleuropas (ausgenommen die Tschechoslowakei und die Schweiz).

Breiten Raum wird die Darstellung der sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einnehmen. Anhand noch nie gezeigter Objekte aus den Landessammlungen und einer Sammelaktion werden Phänomene wie Massenarmut und Massenarbeitslosigkeit in ihren politischen und sozialen Auswirkungen begreifbar. Die ökonomischen Katastrophen dieser Zeit, vom Zerfall des zentraleuropäischen Wirtschaftsraums der k.u.k.-Monarchie bis zur Weltwirtschaftskrise, aber auch die Jahre der wirtschaftlichen Erholung, werden mit Exponaten aus dem Alltag der Menschen eindrucksvoll illustriert.“

Das dritte wichtige Themenfeld bildet die Außenpolitik Österreichs bzw. das Einwirken äußerer Faktoren auf den schwachen Kleinstaat im Zentrum Europas. Hier werden vor allem die Rolle des faschistischen Italien und der Druck Hitler-Deutschlands im Zentrum des Interesses stehen.
Nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung getragen, erwies sich das autoritäre System gegenüber NS-Deutschland und den illegalen Nationalsozialisten im eigenen Land als zu schwach. „Der Anschluss“ 1938 an das Deutsche Reich erfolgte ohne militärischen Widerstand unter enormen Druck von außen und von innen.“

Man redet sehr viel über Integration und als erstes nennt man dafür die deutsche Sprache. Wir merken aber das viele MigrantInnen aus verschiedenen Ländern, egal ob es aus Ex-Jugoslawien, aus der Türkei, aus Arabien, aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus Israel sich mit Österreich nicht identifizieren können. Der Grund liegt sicherlich in verschiedenen Ebenen, aber als ersten darf ich hier die Geschichte Österreichs zwischen 1918-1938 nennen. Es war tatsächlich eine umkämpfte Republik, nicht nur das, es war keine selbstverständliche Republik. Besonders wenn man die Zeiten 1918 – 1938 und vorher und nachher unter die Lupe nimmt. Die erste Schwerpunktausstellung widmet sich anlässlich des bevorstehenden Jubiläumsjahres 2018  unter dem Titel „ Die umkämpfte Republik: Österreich 191-1938“ eigentlich gleich einem sehr brisanten Thema österreichischer Zeitgeschichte.

Hier haben Österreicher eigentlich durch Fehler sehr viel gelernt. Was bedeutete Krieg? Was bedeutet Konsens in der Demokratie? Was bedeutet Hass gegenüber anders Denkenden und Hass und Vorurteil gegenüber andere Glaubensrichtungen und Rassen? Und gerade deswegen ist es sehr wichtig, dass in deutscher Sprache mächtige MigrantInnen diese Ausstellung im Museum Niederösterreich Haus der Geschichte unbedingt besuchen müssen. Ohne dieses Wissen können sie Österreich niemals verstehen.

Mit Kaffee Melange, Dialekt, usw. kann man Österreich nicht inhalieren. Man kann Österreicher und Österreicherinnen nicht verstehen. Wie sie ticken, welche Schmerzen sie in ihren Herzen und Ängsten in ihren  Köpfen haben. Man soll aus der Geschichte nicht Hass und Vorurteil in die Zukunft transportieren sondern aus der Geschichte etwas lernen. Jeder muss diese Ausstellung besuchen! Ein großer Dank geht an das Museum Niederösterreich und die MitarbeiterInnen die eine so tolle Ausstellung auf die Beine gestellt haben.

Diese Ausstellung kann alleine, mit dem Partner aber auch mit Kindern besucht werden.

Ausstellung:
Die umkämpfte Republik
Österreich 1918 – 1938

 

Der Österreichische Journalisten Club beschreibt die Ausstellung wie folgt:

Raum 1. Im Fluss der Zeit

Uhr und Kalender helfen, die Zeit zu messen und einzuteilen: in Minuten und Stunden, Tage, Monate und Jahre. Jahrtausende lang sind es Jahreszeiten, Aussaat und Ernte, die das Leben der Menschen bestimmen. Sie formen eine zyklische Vorstellung von Zeit: Man lebt im Bewusstsein der ständigen Wiederkehr. In Judentum, Christentum und Islam nimmt die Zeit eine heilsgeschichtliche Richtung an. Sie definiert sich nun als chronologischer Ablauf von Ereignissen, hat einen Anfang und ein Ende. „Die Christen laufen auf das Ziel der Erlösung zu“, sagt etwa der Kirchenvater Augustinus. Um Ereignisse darzustellen, sie in das große Ganze einzuordnen, werden Chroniken angelegt. Man teilt sie in Jahrhunderte und Epochen ein, schreibt Geschichte nieder. Dokumente, später Tonaufnahmen, Fotos, Filme, aber auch Gegenstände erzählen von der Zeit, in der sie entstehen. Sie sind greifbare Zeugnisse der Vergangenheit – und als solche werden sie von Museen erforscht, bewahrt und präsentiert.

Raum 02. Mensch im Raum

Raum und Zeit sind die Koordinatenachsen des Lebens. Sie formen Menschen und Gesellschaften. So sind auch Geologie und Klima Zentraleuropas prägend. Als Jäger und Sammler lassen sich die frühen Menschen hier zunächst nur vorübergehend nieder. Später betreiben sie Landwirtschaft, siedeln sich in günstigen Lagen an und verteidigen das Land, das sie bearbeiten. Zur Zeit der Römer durchzieht der Limes, eine mehr als 5.000 Kilometer lange Grenze, Europa. Er trennt die römischen Siedlungsräume von jenen der „Barbaren“. Nach Ende des weströmischen Reiches verfällt diese Grenze. Die neuen Siedler verschanzen sich in Burgen der „Grenzmarken“. Ausgehend vom heutigen Niederösterreich schaffen die Babenberger und später die Habsburger sukzessive ein „Kernland“. Grenzen dienen aber nicht nur dazu, ein Territorium zu markieren. Bisweilen sollen sie Menschen auch daran hindern, es zu verlassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschneidet der „Eiserne Vorhang“ Zentraleuropa. Erst 1989 wird er niedergerissen.

Raum 03. Flucht und Wanderung

Menschen kommen und gehen. Einzeln oder in Gruppen machen sie sich auf den Weg. Vielfach geschieht dies freiwillig, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Allzu oft aber müssen sie vor Krieg, Gewalt oder Naturkatastrophen fliehen, werden aus rassistischen, religiösen, ethnischen oder politischen Gründen vertrieben. Seit dem 19. Jahrhundert erhöhen bessere Verkehrswege und neue Kommunikationsmittel die Mobilität. Eisenbahn, Auto, Flugzeug, Rundfunk, Fernsehen, Telefon und Internet: Mit jedem Schritt wird die Welt kleiner. Zugleich verstärkt sich aber auch die Kontrolle darüber, wo sich Menschen aufhalten. Ausweise werden eingeführt, Reisewege lassen sich dokumentieren. Zahlreichen Menschen wird verboten, sich dauerhaft in einem Gebiet niederzulassen – sie sind zur Wanderschaft genötigt. Das 20. Jahrhundert kennzeichnen ethnische Vertreibungen und Deportationen als besonders brutale Formen von Zwangsmigration.

Raum 04. Macht – Gegenmacht

Wer hat in einer Gesellschaft das Sagen? Macht muss stets ausgehandelt werden. Das gilt auch für das Mittelalter. Die damalige Gesellschaft basiert auf dem Austausch von Leistungen: Adelige erhalten ihren Besitz als Lehen, müssen dafür dem Landesherrn dienen. Die vornehmen und die geistlichen Grundherren ihrerseits bieten den besitzlosen Bauern Boden und Schutz. Diese müssen im Gegenzug dazu Abgaben und Arbeitsdienste leisten. Spannungen zwischen dem Landesherrn und den Untertanen stehen auf der Tagesordnung. Um ihren Einfluss zu erhöhen, verbünden sich im späten Mittelalter Adelige, Geistliche und Vertreter der Städte gegen den Landesherrn. Dieser hingegen versucht, möglichst viel Macht an sich zu ziehen. Sein Ziel: das Reich besser zu verwalten und zu verteidigen. Einig ist man sich alleine über die höchste Instanz: Über allem, so die Überzeugung, thront der „ewige Gott“. Und selbst der Kaiser sieht sich nur als dessen Diener an.

Raum 05. Glaube – Wissen

Jahrhundertelang bestimmt der christliche Glaube Denken, Wissen und Leben in Europa. Schon im Mittelalter versuchen Gläubige vereinzelt, die Kirche zu erneuern und Missstände abzuschaffen. Das ist auch das Ziel der 1517 von Martin Luther angestoßenen Reformation. Zentraleuropa bleibt trotz dieser und anderer Reformationsbewegungen überwiegend katholisch. Dafür sorgen Habsburger und katholische Kirche. Durch „Gegenreformen“ versuchen sie, protestantisch gewordene Gebiete zurückzugewinnen. Der Jesuitenorden gründet beispielsweise Universitäten als Zentren der Bildung und des Wissens. Der Triumph der Gegenreformation findet in vielen neuen Kirchenbauten Ausdruck. Dennoch verliert die Religion an Bedeutung. Die Entwicklung Europas schreitet aber voran. Der große Wurf erfolgt durch die Aufklärung: Die großen Fragen der Menschheit werden nicht mehr mit der Bibel in der Hand, sondern durch die Vernunft (Ratio) geklärt. Sie wird zum Schlüssel für die Entfaltung der freien Wissenschaft und Bildung.

Raum 06. Wer bestimmt?

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit: Seit der Französischen Revolution 1789 prägen deren Ziele die Gesellschaften Zentraleuropas. Sie schaffen den Nährboden für Bewegungen, die für Freiheit und politische Mitbestimmung kämpfen. 1848 erfassen Revolutionen weite Teile Europas. In der Donaumonarchie bringt eine solche nicht nur mehr Rechte für die bis dahin unfreien Bauern: Sie können nun Grund und Boden erwerben. Bald gibt es auch neue Verfassungen und mehr Mitbestimmung. Aus Untertanen werden Bürger. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehen die modernen Massenparteien. Sie profitieren von der schrittweisen Erweiterung des Wahlrechts, das schließlich jeder Stimme den gleichen Wert beimisst. Ab 1919 gilt es endlich auch für Frauen. Gleichzeitig nimmt der Einfluss des Monarchen immer mehr ab. Der Tod Kaiser Franz Josephs I. 1916 steht symbolhaft für eine zerfallende Ordnung in Zentraleuropa.

Raum 07. Selbstbilder – Fremdbilder

Im 19. Jahrhundert lockern sich die Bindungen an die alten Autoritäten wie etwa die Zünfte oder die Kirche. Nun ist zunehmend anderes für das eigene Selbstverständnis entscheidend: die Zugehörigkeit zu einer Nation, einer Sprachgruppe, zu Bürgertum, Bauernstand oder Arbeiterschaft. Intellektuelle schreiben „die“ Geschichte ihrer Nation nieder. Man pflegt Brauchtum, Dialekte und Trachten – um an Traditionen festzuhalten, aber auch, um sich damit von anderen Nationen abzugrenzen. In Musik und Literatur, selbst im Sport finden nationale Ideale ebenfalls Ausdruck. Die neuen Massenparteien versuchen, sich in möglichst vielen Lebensbereichen auszubreiten – von der beruflichen Interessenvertretung bis hin zu Freizeitangeboten steht man den Menschen zur Seite. Was einst die Religion war, wird nun die Ideologie. Mit den neuen Formen gemeinschaftlicher Identität entstehen auch neue Feindbilder: Man grenzt sich von anderen „Rassen“, „Klassen“, „Völkern“, „Nationen“ ab.

Raum 08. Im Takt der Maschine

Von den ersten sesshaften Bauern bis zur Vollautomatisierung in den Fabrikhallen heute: Die Art und Weise, wie der Mensch wirtschaftet, beeinflusst sein Leben, die Gesellschaft und die Umwelt. Einen besonders radikalen Einschnitt stellt die Industrielle Revolution dar, die Zentraleuropa im 19. Jahrhundert erreicht. Was bis dahin mit der Hand verrichtet wurde, übernimmt nun die Maschine. Streng wird zwischen Arbeits- und Freizeit unterschieden. Mit den Arbeiterinnen und Arbeitern entsteht eine neue Bevölkerungsgruppe, deren unsichere Existenz durch schlechte Arbeitsbedingungen und Verelendung zur „sozialen Frage“ wird. Die Verfügbarkeit von Rohstoffen, Arbeitskräften und Infrastruktur bestimmt das Tempo der Industrialisierung: Für den Transport zu Wasser werden Kanäle gebaut und Flüsse schiffbar gemacht. Eisenbahnen erschließen bis dahin entlegene Gebiete. Einzig die Landwirtschaft bleibt im technologischen Wettlauf zurück. Hier setzt man erst im 20. Jahrhundert im breiten Umfang Maschinen ein.

Raum 09. Im Gleichschritt – ausgelöscht

Der Gleichschritt, in dem die Welt im „Großen Krieg“ ab 1914 marschiert, prägt Zentraleuropa. In den Jahren und Jahrzehnten danach kommt es zu einer Welle der Demokratisierung. Gleichzeitig erfahren autoritäre Ideologien, ob „rechts“ oder „links“, massenhaft Zulauf. Sie spalten die Gesellschaften, die sich zunehmend militarisieren. Wer sich dem Gleichschritt in den Diktaturen der Sowjetunion und des „Dritten Reichs“ entgegenstellt, wird als Staatsfeind verfolgt und ausgelöscht. Der Zweite Weltkrieg wird im Osten Europas als rassistischer Vernichtungskrieg gegen die gesamte Bevölkerung geführt. Der Krieg erfasst alle Lebensbereiche. Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft werden auf Kriegswirtschaft umgestellt. Millionen kämpfen und fallen im Krieg, Millionen verschwinden in Lagern und Gefängnissen, Millionen werden Opfer der NS-Rassenpolitik und kommunistischer Verfolgung. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges und der totalitären Regime wirken in den Gesellschaften Zentraleuropas bis heute nach

Raum 10. Niederösterreich im Wandel

Zehn Jahre nach Wiedererrichtung der Republik und nach langem Ringen der Regierungen Leopold Figl und Julius Raab wird 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet: „Österreich ist frei“. Der Wiederaufbau erfolgt großteils mit US-amerikanischer Hilfe. Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur können sich frei entwickeln. Industrialisierung, Massenkonsum, Umweltbewegung, Emanzipation der Frau, neue Kommunikationsmittel: Der gesellschaftliche Wandel schreitet beschleunigt voran. Die Globalisierung lässt die Welt enger zusammenrücken, gleichzeitig bekommen regionale Besonderheiten einen höheren Stellenwert. Zunächst noch benachteiligt durch die Folgen der sowjetischen Besatzung und seine Lage am „Eisernen Vorhang“, entwickelt sich Niederösterreich vom industrialisierten Agrarland zum agrarischen Industrieland … und schließlich zu einer Modellregion im Herzen Europas, die mit kultur- und forschungspolitischen Initiativen von überregionaler Bedeutung hervortritt.

Raum 11. Brücken bauen

Die Gegenwart schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ereignisse der Gegenwart weisen auf vergangene Entwicklungen hin, sie sind jedoch auch immer verbunden mit Überlegungen und Herausforderungen für die Zukunft. In der Abschlussinstallation werden aktuelle Themen aus den zehn Bereichen der Ausstellung dargestellt. Diese sollen zum Nachdenken anregen und Brücken

Der Rundgang schließt mit einem Brückenschlag in die Zukunft. Die Themen der Ausstellung werden neuerlich aufgegriffen und verknüpft mit der Frage „Wie geht es weiter?“ – mit unserer Gesellschaft, der Wirtschaft und unseren demokratischen Grundwerten, in Niederösterreich und in Europa.

 

„Das ist kein Rechtsstaat mehr“

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DEUTSCHE ANWÄLTE KRITISIEREN TÜRKEI

Tausende Richter und Staatsanwälte wurden geschasst, nun häufen sich die Festnahmen von Anwälten: Das Justizsystem in der Türkei ist immens unter Druck. Juristen in Deutschland sind schockiert.

Berlin-Deutsche Anwälte prangern unhaltbare Zustände in der türkischen Justiz an und sind in großer Sorge wegen der jüngsten Festnahmen von Berufskollegen in dem Land. „Die Situation der Anwaltschaft in der Türkei wird von Woche zu Woche schlechter“, sagte der Präsident des Deutschen Anwaltvereins, Ulrich Schellenberg, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Anwälte werden in Mithaftung genommen für ihre Mandanten. Das ist eine perfide Logik zu sagen: Wer einen Angeklagten verteidigt, ist selbst auch schon böse.“ Es gebe Fälle in der Türkei, in denen Angeklagte keinen Verteidiger gefunden hätten, „weil die Anwälte Angst haben“.

Nach der Verhängung des Ausnahmezustands im Juli vergangenen Jahres wurden in der Türkei Regierungsangaben zufolge rund 150 000 Staatsbedienstete suspendiert oder entlassen. Im Justizwesen wurden über 3800 Richter und Staatsanwälte ihres Amtes enthoben. Das ist mehr als ein Viertel der insgesamt 14 000 Richter und Staatsanwälte im Land. Auch mehrere Anwälte wurden unter Terrorverdacht inhaftiert. Erst am Donnerstag hatte ein Gericht in Istanbul Untersuchungshaft gegen 14 Anwälte wegen Terrorverdachts erlassen.

Schellenberg sagte, sein Verband habe das Land im Januar und Juni besucht. Schon zu Jahresbeginn seien Anwälte verhaftet worden und Repressionen zu beobachten gewesen. „Die Situation ist aber in den letzten Wochen und Monaten dramatisch schlechter geworden.“ Präsident Erdogan versuche, unter Richtern und Anwälten ein „System der Angst“ zu schaffen. „Das ist Gift für die unabhängige Justiz.“

Auch für Inhaftierte, denen Verbindungen zur Gülen-Bewegung vorgeworfen würden, sei die Lage sehr schwierig. „Die Anwälte dürfen sich bei Treffen mit ihren Mandanten keine Notizen machen. Die Gespräche werden mit Videokameras aufgezeichnet. Es gibt kein Anwaltsgeheimnis. Das ist ganz einfach nicht rechtsstaatlich.“ Ankara beschuldigt Anhänger des Predigers Fetullah Gülen, mitverantwortlich für den Putschversuch im Juli 2016 zu sein.

Schellenberg sagte, unter diesen Bedingungen sei eine Anwaltsbetreuung nur schwer möglich. Das gelte auch für die inhaftierten Deutschen in der Türkei.

Derzeit befinden sich mehrere Deutsche wegen des Verdachts politischer Straftaten in türkischer Haft, etwa wegen mutmaßlicher Unterstützung von Terroristen oder Putschisten. Darunter sind der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel und der Menschenrechtler  Peter Steudtner.  Die Inhaftierungen sorgen – neben anderen Streitpunkten – für schwere Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei.

Schellenberg äußerte auch Sorge über mögliche Risiken für deutsche oder deutsch-türkische Anwälte, die beruflich in der Türkei zu tun haben. „Das Vorgehen der türkischen Behörden wirkt unglaublich willkürlich. Und wenn Sie mit einer willkürlichen Verhaftung rechnen müssen, dann kann es jeden treffen“, sagte er. „Deshalb ist überhaupt nicht auszuschließen, dass – so wie deutsche Journalisten – auch deutsche Anwälte festgenommen werden und im Gefängnis landen.“ Er riet seinen Berufskollegen zu „sehr großer Vorsicht und Umsicht“ bei ihrer Arbeit.

„Diese Entwicklung in der Türkei, diese systematische Verfolgung Andersdenkender, hätte ich mir noch vor ein paar Jahren nicht vorstellen können“, beklagte der Verbandschef. „Das ist kein Rechtsstaat mehr. Das sind autoritäre Strukturen. Es gibt keine Unschuldsvermutung. Es gibt keine effektive Verteidigung. Es gibt keine unabhängige Justiz.( www.nwzonline.de )

Kedi: Ein Film von Katzen und Menschen…

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“Die Entzauberung der Welt ist die Ausrottung des Animismus.”

Von Lale Aynur Kelime

Dialektik der Aufklärung. Max Horkheimer/Theodor Adorno

Kedi ist ein Film von Ceyda Torun über die Katzen von Istanbul, von denen
in dem Film nur 7 dargestellt werden. “Kedi” läuft zwar unter der Kategorie
des Dokumentarfilms ab, aber mit den früheren Dokumentarfilmen, mit ernsthaften männlichen Stimmen der überlegenen und distanzierten Betrachtung dienen, hat dieser Film nicht viel gemeinsam. Es ist eine eigene Genre, die sich in den letzten Jahren sich verselbständigt hat. Es ist ein künstlerischer Dokumentarfilm, der mich an den folgenden Satz von Adorno erinnert:

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“ – Minima Moralia

Heutzutage verlangt das Fiktive, das Übertriebene des Action-Kinos von den Zuschauern der Industrieländer, die sowieso permanent unter einem hektischen Tempo leben, einiges ab. Kedi ist aber ein Film, der einen eigentlich beruhigt, in eine andere Welt bringt, sowohl optisch als auch seelisch. Die Kamera führt eine alte Stadt vor die Augen, die zwar nicht ihre besten Zeiten erlebt, aber der industriellen Modernisierung und der unmenschlichen Rationalisierung noch nicht mit der ganzen Seele aufgeopfert worden ist. Die Stadt wirkt neben einer modernen, notdürftigen Architektur mit einer ehemaligen imperialen Architektur durch ihre Menschen und Katzen magisch. Die Authentizität der Menschen und Katzen scheint mit der Kamera nur en passant aufgenommen worden zu sein, statt mit den krampfhaft ausgeklügelten Szenarien.

Sarı ist die Mutter von vier Katzenjungen, die vor der Geburt ihrer Kinder, den felinen Beschäftigungen wie den ganzen Tag Schlafen und dem Meditieren nachgegangen ist und nun aber mit einem großen Stück Simit (Sesamring) im Mund durch die stressigen Straßen und Gassen von Istanbul versucht, ihren Jungen etwas zum Essen mitzubringen. Bengü, war nach Erzählung die hässlichste von 3 kleinen Katzenkindern und hat den Ort ihrer Geburt nie verlassen, während die anderen Geschwister sich in die große, chaotische Stadt wagten. Dort wird sie aber auch verwöhnt und gut gepflegt. Es ist ein Viertel der Produktion mit Lagerstätten und den Arbeitern. Es ist amüsant zuzuschauen, wie Bengü inmitten des ganzen Stresses des Alltags am Trottoir einer Straße von einem Arbeitegebürstet wird und sie mit der klassischen felinen Geste einer Göttin sich hinlegt und sich verwöhnen lässt.

Duman war meine Lieblingskatze in diesem Film, weil sie gleichzeitig auch ein Gourmet ist. Duman war angeblich eine Katze aus dem guten Hause mit einer strengen Besitzerin. Sie geht nicht einfach in ein Geschäft und forciert seinen Anteil am täglichen Einsatz der Straße wie manche Katzen in mafiosi look in dieser Stadt es tun. Sie ist eine feine Dame, die am Fenster mit ihren Pfoten auf sich selbst aufmerksammacht, um zu ihren geliebten Käsesorten aus Europa herankommen zu können…

Kedi ist manchmal witzig, manchmal aber auch ernsthaft traurig, sowie mal das Leben eben auch ist…Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs (oder schon weit darüber:-) suchen die Natur, in der sie sich mal so wohlgefühlt haben… Die Sehnsucht nach einer unpersonifizierten, göttlichen, bedingungslosen Fürsorge für alle Lebewesen im Überlebenskampf einer Großstadt schwingt im Hintergrund mit. Sowohl die hierarchische Demarkationslinie zwischen den Menschen und den Tieren aber auch die Linie zwischen geistig gesund und/oder nicht gesund, ist nicht so scharf und/oder künstlich gezeichnet. Es scheint auch nicht so wichtig zu sein in diesem speziellen Kontext dieses Films. Mir fällt schon wieder ein Satz von Adorno ein:

“Der Animismus hatte die Sache beseelt, der Industrialismus versachlicht die Seelen.” aus der Dialektik der Aufklärung. Während man hier die Katzen und Menschen nicht als beseelte Sachen sehen kann… Sie sind beseelt in einer ähnlichen Art und Weise… Die Projektionen der Menschen in Katzen schweben genauso wie die Wünsche der Katzen an den Menschen am Himmel dieser magischen, tagträumerischen Stadt.

Eine Künstlerin in Istanbul sieht in den Katzen eine angstlose zur Schaustellung der Weiblichkeit, die im Kontrast zu stehen scheint, mit den neuen konservativen Vierteln dieser Stadt. Inzwischen etwas Gefährliches in manchen Vierteln dieser grossen Stadt.

Eines der aktuellen Problemen der Stadt. Wieviel Weiblichkeit hält eine Stadt aus, wenn die Natur nicht so gütig ist wie in den Tagträumen? Aber bitte nun nicht wirklich Darandenken! Der Film ist nicht zum Nachdenken, einfach zum Genießen und um neugierig nachzuforschen… Wie es eine Katze halt manchen würde…

Am besten hingehen und den Film selber anschauen. Der Film ist aber auch bei YoutubeRed zu finden. (LAK, yenivatan.at)

Kedi (2016), 1h 19 Min. Erst erschienen in 2017 in USA.