Kedi: Ein Film von Katzen und Menschen…

“Die Entzauberung der Welt ist die Ausrottung des Animismus.”

Von Lale Aynur Kelime

Dialektik der Aufklärung. Max Horkheimer/Theodor Adorno

Kedi ist ein Film von Ceyda Torun über die Katzen von Istanbul, von denen
in dem Film nur 7 dargestellt werden. “Kedi” läuft zwar unter der Kategorie
des Dokumentarfilms ab, aber mit den früheren Dokumentarfilmen, mit ernsthaften männlichen Stimmen der überlegenen und distanzierten Betrachtung dienen, hat dieser Film nicht viel gemeinsam. Es ist eine eigene Genre, die sich in den letzten Jahren sich verselbständigt hat. Es ist ein künstlerischer Dokumentarfilm, der mich an den folgenden Satz von Adorno erinnert:

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“ – Minima Moralia

Heutzutage verlangt das Fiktive, das Übertriebene des Action-Kinos von den Zuschauern der Industrieländer, die sowieso permanent unter einem hektischen Tempo leben, einiges ab. Kedi ist aber ein Film, der einen eigentlich beruhigt, in eine andere Welt bringt, sowohl optisch als auch seelisch. Die Kamera führt eine alte Stadt vor die Augen, die zwar nicht ihre besten Zeiten erlebt, aber der industriellen Modernisierung und der unmenschlichen Rationalisierung noch nicht mit der ganzen Seele aufgeopfert worden ist. Die Stadt wirkt neben einer modernen, notdürftigen Architektur mit einer ehemaligen imperialen Architektur durch ihre Menschen und Katzen magisch. Die Authentizität der Menschen und Katzen scheint mit der Kamera nur en passant aufgenommen worden zu sein, statt mit den krampfhaft ausgeklügelten Szenarien.

Sarı ist die Mutter von vier Katzenjungen, die vor der Geburt ihrer Kinder, den felinen Beschäftigungen wie den ganzen Tag Schlafen und dem Meditieren nachgegangen ist und nun aber mit einem großen Stück Simit (Sesamring) im Mund durch die stressigen Straßen und Gassen von Istanbul versucht, ihren Jungen etwas zum Essen mitzubringen. Bengü, war nach Erzählung die hässlichste von 3 kleinen Katzenkindern und hat den Ort ihrer Geburt nie verlassen, während die anderen Geschwister sich in die große, chaotische Stadt wagten. Dort wird sie aber auch verwöhnt und gut gepflegt. Es ist ein Viertel der Produktion mit Lagerstätten und den Arbeitern. Es ist amüsant zuzuschauen, wie Bengü inmitten des ganzen Stresses des Alltags am Trottoir einer Straße von einem Arbeitegebürstet wird und sie mit der klassischen felinen Geste einer Göttin sich hinlegt und sich verwöhnen lässt.

Duman war meine Lieblingskatze in diesem Film, weil sie gleichzeitig auch ein Gourmet ist. Duman war angeblich eine Katze aus dem guten Hause mit einer strengen Besitzerin. Sie geht nicht einfach in ein Geschäft und forciert seinen Anteil am täglichen Einsatz der Straße wie manche Katzen in mafiosi look in dieser Stadt es tun. Sie ist eine feine Dame, die am Fenster mit ihren Pfoten auf sich selbst aufmerksammacht, um zu ihren geliebten Käsesorten aus Europa herankommen zu können…

Kedi ist manchmal witzig, manchmal aber auch ernsthaft traurig, sowie mal das Leben eben auch ist…Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs (oder schon weit darüber:-) suchen die Natur, in der sie sich mal so wohlgefühlt haben… Die Sehnsucht nach einer unpersonifizierten, göttlichen, bedingungslosen Fürsorge für alle Lebewesen im Überlebenskampf einer Großstadt schwingt im Hintergrund mit. Sowohl die hierarchische Demarkationslinie zwischen den Menschen und den Tieren aber auch die Linie zwischen geistig gesund und/oder nicht gesund, ist nicht so scharf und/oder künstlich gezeichnet. Es scheint auch nicht so wichtig zu sein in diesem speziellen Kontext dieses Films. Mir fällt schon wieder ein Satz von Adorno ein:

“Der Animismus hatte die Sache beseelt, der Industrialismus versachlicht die Seelen.” aus der Dialektik der Aufklärung. Während man hier die Katzen und Menschen nicht als beseelte Sachen sehen kann… Sie sind beseelt in einer ähnlichen Art und Weise… Die Projektionen der Menschen in Katzen schweben genauso wie die Wünsche der Katzen an den Menschen am Himmel dieser magischen, tagträumerischen Stadt.

Eine Künstlerin in Istanbul sieht in den Katzen eine angstlose zur Schaustellung der Weiblichkeit, die im Kontrast zu stehen scheint, mit den neuen konservativen Vierteln dieser Stadt. Inzwischen etwas Gefährliches in manchen Vierteln dieser grossen Stadt.

Eines der aktuellen Problemen der Stadt. Wieviel Weiblichkeit hält eine Stadt aus, wenn die Natur nicht so gütig ist wie in den Tagträumen? Aber bitte nun nicht wirklich Darandenken! Der Film ist nicht zum Nachdenken, einfach zum Genießen und um neugierig nachzuforschen… Wie es eine Katze halt manchen würde…

Am besten hingehen und den Film selber anschauen. Der Film ist aber auch bei YoutubeRed zu finden. (LAK, yenivatan.at)

Kedi (2016), 1h 19 Min. Erst erschienen in 2017 in USA.

 

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