von Birol Kilic
Medienanalyse, EINSPRUCH Nr. 4, Oktober 2009, S. 28–30

Weder Opfer noch Täter
In dem neuen Terminus des „kulturellen Rassismus“ sind wir nicht nur als „Opfer“, sondern auch als „Täter“ betroffen. Wir müssen also auch selbst aufpassen, um weder Opfer noch Täter im kulturellen Rassismus zu werden. Der ehemalige Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger hat einmal, als man ihm vorgeworfen hat, antisemitische Politik zu betreiben, obwohl seine Geliebte und rechte Hand eine Wiener Jüdin war, gesagt: „Ich bestimme, wer Jude ist …“. Aus diesen Worten müssen alle Menschen, auch wir, eine Lehre ziehen. Wir unterstellen niemandem etwas. Wir bitten Sie nur, das Thema „kultureller Rassismus“ mit Samthandschuhen anzufassen und nicht Völker wie „Waren im Supermarkt“ zu etikettieren.

Ein Wort aus dem Krieg
Das Wort „kapitulieren“ hat eine negative Konnotation. Es wirkt hetzerisch. Was bedeutet denn Kapitulation, und wie wird sie üblicherweise verwendet? In Wikipedia, der meistverwendeten Online-Enzyklopädie, wird folgende Beschreibung für Kapitulation angegeben: „Eine Kapitulation ist völkerrechtlich eine einseitige Unterwerfungserklärung und ist in der Haager Landkriegsordnung festgehalten. Militärisch erklärt zum Beispiel der Befehlshaber einer Festung oder eines Schiffes durch das Hissen einer weißen Fahne oder das Streichen der Flagge die Bereitschaft, keinen Widerstand mehr leisten zu wollen.“ Bitte beachten Sie bei dieser Definition die Wörter „Unterwerfungserklärung, Landkriegsordnung, militärisch“. Jedes dieser Wörter beinhaltet einen sehr starken Konflikt. Also müssen wir uns warm anziehen. Es geht ins Gefecht. Oder wurde mit diesem Wort ein sozioökonomisches Problem auf absichtliche, verantwortungslose und hinterhältige Weise auf eine feindschaftliche Ebene gehoben? Es hat den Anschein, als ob bestimmte Personen uns mit dieser Ansage die Leviten lesen wollten. Soll das eine Bedrohung sein?
Ein Ultimatum an die Migranten
Auf jeden Fall kommt es wie ein Ultimatum daher. Demnach versteht man, dass die Migranten, die dieses Land zu ihrer Heimat gemacht haben, entweder den Österreichern nacheifern oder „abhauen“ sollen. Es ist egal, ob sie diesen Staat mit ihrer Arbeit und ihren Steuern 50 oder 1.000 Jahre unterstützt haben. Woher nimmt man sich das Recht, jemanden aus seiner Heimat zu vertreiben? Nur weil man nicht „autochthoner“ Österreicher ist (das muss man neu definieren), heißt es nicht, dass man kein „Österreicher“ ist. Werden Sie uns mit Baseballschlägern jagen oder verhaften, weil wir unsere Kultur behalten und uns nicht assimilieren?
Integration ja, Assimilation nein
Wir müssen überhaupt definieren, was der Unterschied zwischen Integration und Assimilation ist. Wir sind gerne bereit, uns hundertprozentig zu integrieren. Das heißt, Deutsch zu lernen, uns dem Leitbild des Landes anzupassen und was sonst noch dazugehört. Aber wieso sollen wir unsere komplette Identität aufgeben? Das wäre noch gefährlicher. Wir müssen uns als verfassungstreue Bürger dieses Landes natürlich Gedanken darüber machen, wie die türkische Gemeinde in Österreich in 50 oder gar 100 Jahren aussehen wird. Was wird passieren, wenn wir uns nicht assimilieren? Etwa Seife …? Unser Traum ist eine hundertprozentige Integration und Loyalität gegenüber dem österreichischen Staat und seinen Werten. Diese Werte sind die allgemeinen Verhaltensweisen, die sich die gesamte zivilisierte Welt angeeignet hat. Ziel ist es also, Weltmensch in Österreich zu werden.
Der Blick des Chefredakteurs
Die „Presse“ ist angeblich eine Qualitätszeitung. Der Chefredakteur Michael Fleischhacker tritt in verschiedenen Diskussionen über Innen- und Außenpolitik als Allwissender der österreichischen Nation ins Bild. Wir lernen als beständige „Presse“-Leser (natürlich auch als Leser von Standard, Kurier, Krone, Österreich, Heute, Falter, Profil, News, Format, Zur Zeit usw.) stets von seinem Wissen und seinem Weltblick. Vielen lieben, herzlichen Dank, Herr Fleischhacker. Seine Sicht der Dinge könnte man ab und zu auch als „Schielen“ bezeichnen. Macht ja nichts. Aber niemand in Österreich kann sich der Wahrheit einfach verweigern, nämlich dass sich ein großer Anteil der türkischstämmigen Mitmenschen in der Gesellschaft als Gewerbetreibende (Klein-, Mittel- und Großunternehmen) oder in anderen Bereichen erfolgreich etabliert hat.
Selbstkritik und Empathie
Wir geben gerne zu, dass nicht alle der europäischen Art angepasst auftreten. Dann wiederum gibt es ja die sogenannten österreichischen „Proleten“. Sie fallen mit ihrem Kleidungsstil, ihrer Redensart und ihren Manieren ständig negativ auf. Also stellen auch sie nicht unbedingt ein gutes Beispiel für die Integrationsgesellschaft dar. Es ist mir bewusst, dass solche Äußerungen meinerseits – als Austro-Türke – viele verärgern, aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich lebe seit über 20 Jahren als mehrfacher Akademiker in Wien und musste sogar als extremer Selbstkritiker mehrere Male feindliches Benehmen gegenüber Migranten wegstecken. Hinzu kommen die negativ auffallenden Migranten aus der Türkei, was mich zutiefst unglücklich macht. Somit bin ich vollkommen hin- und hergerissen. Ich versuche, den Österreichern gegenüber Empathie zu zeigen. Ich verstehe sie auch in bestimmter Hinsicht und stimme ihnen zu.
Biorassismus ist out, kultureller Rassismus(Neorasismus) ist in
Es gibt jedoch immer wieder etwas, das sie übersehen: Sie üben unbewusst „kulturellen Rassismus“ aus. Biorassismus ist jetzt out. Kultureller Rassismus ist jetzt in und auch salonfähig. Der Oberbegriff „Neorassismus“ vereint diese Verhaltensweisen in einem Terminus. Überall auf der Welt werden – ohne Ausnahme – Religion, Herkunft und Kultur, die als anders als die eigenen betrachtet werden, herabgesetzt und gedemütigt. Mit den Worten „Integration muss sein“ versucht man, dies zu verdecken.
Die Unsichtbaren: erfolgreiche Austro-Türken
Wenn man nun die erfolgreichen Austro-Türken als Beispiel nimmt, kann man nicht sagen, dass sie die Integration verweigern, sondern viel eher, dass sie die Integration verinnerlicht haben. Herr Fleischhacker sieht (besonders seitdem die „Presse“ ihren Sitz in den 3. Bezirk verlegt hat, wo viele Austro-Türken leben) nur die Kehrseite und hebt nie die erfolgreichen Integrationsbeispiele hervor. Er schreibt am Sonntag, 18.10.2009, unter dem Titel „Wir kapitulieren nicht“ einen Kommentar, wie man ihn eigentlich nicht von einer Qualitätszeitung und ihrem Chefredakteur erwartet.
Ein Land ohne Presserat
Man müsste fragen, warum Österreich als einziger Staat Europas keinen Presserat hat. Ich kann in Österreich als Opfer einer Zeitung meine Beschwerde nicht bei einem Presserat einbringen. Komisch. Die Herausgeber der österreichischen Presse sind auch merkwürdig. Wir erwarten von Journalisten, eine gewisse Distanz gegenüber Ereignissen zu bewahren und beide Seiten der Medaille zu zeigen. Ist es nicht eine Frechheit, dass Fleischhacker sich am Ende seines Kommentars den Titel des Buches von Henryk Broder „Hurra, wir kapitulieren!“ zum Vorbild nimmt und sagt: „Und das sollten wir nicht! Nicht vor integrationsunwilligen Ausländern, nicht vor der Moralkeule der politisch Korrekten und nicht vor ehemaligen Neonazis.“? Seinen Artikel kann man schon allein wegen des Titels wie einen Kaugummi in jede beliebige Richtung ziehen. Es erweckt den Anschein, dass er mit diesem Artikel bei jedem punkten will. Trotzdem kann er es mit seinem Schreibstil weder dem einen noch dem anderen recht machen. Wir empfehlen ihm, in der letzten Ausgabe des „Profil“ (Nr. 45) zu blättern und sich an dem Bericht auf den Seiten 32 bis 35 ein Beispiel zu nehmen.
Die Lehren der 1930er-Jahre
Es sieht so aus, als ob Herr Fleischhacker mit den Worten „ehemalige Neonazis“ die vorhandenen und dauernd wie Stehaufmännchen auftauchenden Neonazis zu verdecken versucht. Der in Kattowitz (Polen) geborene, deutsch-jüdische, liebe Herr Broder sollte hier der Letzte sein, der über die Türken „verallgemeinernd“ schreibt. Wir als säkular lebende Muslime schätzen ihn, weil auch er für die säkulare Lebensweise eintritt. Seine hinterhältige, verallgemeinernde Hetzerei gegenüber den integrierten türkischen Bürgern darf aber auch nicht unerwähnt bleiben. Ein gut gemeinter Rat wäre, dass er die Zeitungen der 1930er-Jahre unter die Lupe nehmen sollte. Er muss nämlich erst erklären, warum der „Stürmer“ der Nazis nicht nur die orthodoxen, sondern auch die integrierten deutschen Juden als Gefahr für die Menschheit darstellte. Die türkischen Migranten werden zwar nicht als Gefahr für die Menschheit betrachtet, aber sie werden fortwährend verleumdet und diskriminiert.
Bilder, die abstempeln
Wieso wird in den Artikeln nie auf die erfolgreich integrierten Türken eingegangen? Es wird beispielsweise das Bild eines Ladeninhabers abgedruckt, der wie ein Zuhälter und nicht wie ein erfolgreich etablierter Bürger wirkt. Die Tatsache, dass eine Reihe türkischer Geschäfte mit türkischen Lebensmitteln und anderen Waren vertreten ist, ist nicht zwangsläufig ein Zeichen von Integrationsunwilligkeit. Viele ethnische Ladeninhaber in Österreich verkaufen in ihren Läden auch Lebensmittel und andere Waren aus ihren Herkunftsländern. Wenn dies ein Zeichen von Integrationsunwilligkeit ist, wieso bekommen sie dann nicht den Stempel „Integrationsunwillige“, wie es bei den Türken fortwährend der Fall ist? Diese Abbildung ist kein Einzelfall. In der Ausgabe vom 24. Jänner 2007 wurde eine türkische Frau zusammen mit H.-C. Strache in einem Nachtclub fotografiert und als türkische Ex-Edelprostituierte dargestellt. Tatsache ist, dass diese Frau nie eine Prostituierte war. Dennoch wurde sie als Person und somit auch das türkische Volk wieder einmal abgestempelt. Dieses Mal hieß es „türkische Prostituierte“. Was wird wohl auf dem nächsten Stempel stehen? Weiters werden noch Analysen über den Bildungsstand der Migrantenkinder veröffentlicht, die besagen, wie erfolglos sie doch sind. Sind denn die „echten“ Österreicher um so viel erfolgreicher? Es sollte nicht darum gehen, welchen Ursprung man hat.
Beide Seiten der Medaille
Diese Hetzerei und dieser Pessimismus müssen endlich ein Ende haben. Es sind immer und überall beide Seiten vorhanden, aber selten auch vertreten. Manchmal überwiegen die negativen und manchmal die positiven Eigenschaften und Ereignisse. Jedoch sollte man immer beide Seiten betrachten. Kritik ist immer willkommen, aber nur, wenn sie konstruktiv und zielführend ist. Hätte die „Presse“ in diesem Bericht vom Sonntag ihren Lesern auch die erfolgreichen Austro-Türken vorgestellt, dann könnte man zumindest sagen, dass der Autor objektiv ist. Wir kritisieren selbst auch die integrationsunwilligen Menschen, egal welcher Herkunft. Nur weil ein H.-C. Strache gesagt hat, „es gäbe kein Ausländerproblem, sondern ein Türkenproblem“, sollte man das Thema nicht sofort radikalisieren. Früher waren nicht die Türken, sondern die Juden das „Problem“. Was würden Sie mit den 70 Millionen Menschen in der Türkei, 240.000 Austro-Türken, über drei Millionen Deutsch-Türken und abertausenden Türken in anderen Ländern machen? Nicht die Rechtsextremen, sondern die politische Mitte in Österreich macht die Lage gefährlich. In Österreich wird die Rechtsstaatlichkeit immer stärker durch arglistige Vereinbarungen hintergangen. Die Menschen aus der Türkei und anderen Ländern, die wegen Job, Geld und Parteizugehörigkeit als „Arschkriecher“ und „überangepasst“ bezeichnet werden, hemmen den gesamten Integrationsprozess, anstatt ihn zu fördern – hier liegt das Problem. Es geht nicht ums Kapitulieren oder Nichtkapitulieren. Die türkischen Migranten zeigen eine Verhaltensweise, die an Waisenkinder erinnert. Keiner traut sich, etwas zu sagen, doch in Wahrheit ist es eine 240.000-köpfige Familie.
Drei Lösungsvorschläge
Man muss auch selbst mit Lösungsvorschlägen kommen können. Wo es ein Problem gibt, gibt es auch eine Lösung: Erstens müssen die türkischen Gebildeten und Verantwortlichen endlich handeln und gegen den politischen Islam in Österreich Stellung beziehen. Zweitens sollte man in Österreich Vereine, die eigentlich nur eigennützige Politik oder Gewerbe betreiben, nicht zulassen. Drittens sollte man den Menschen aus der Türkei das Gefühl geben, dass sie in Österreich willkommen sind, und sie nicht wie Außenseiter behandeln. Ein erster Schritt, um ein multikulturelles, harmonisches Miteinander zu fördern, wäre eine Abkehr von diesem Schubladendenken. Jede Veränderung beginnt mit kleinen Schritten.
Nachtrag
Im November 2009 entschuldigte sich „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker in seinem Leitartikel „Blattlinie: Haben wir das verdient?“ für Titelbild und Schlagzeile der Ausgabe vom 18. Oktober 2009.
Quellen
„Die Presse am Sonntag“, 18.10.2009: Titelseite „Die türkische Parallelwelt“ und Leitartikel „Wir kapitulieren nicht“ von Michael Fleischhacker
„Die Presse“, November 2009: „Blattlinie: Haben wir das verdient?“ – https://www.diepresse.com/518639/blattlinie-haben-wir-das-verdient

